Am zweiten Weihnachtsfeiertag war es hier am Rande des Erzgebirges nach etlichen Wochen endlich mal wieder mehrere Stunden am Stück sonnig. Und so beschloss ich diese Gelegenheit für eine Vogelbeobachtungsrunde unter blauem statt grauem Himmel zu nutzen. Mein spontan entschiedener Abstecher führte mich in den hiesigen Stadtwald zum stadtbekannten Parkplatz am Waldbad (Soldatenteich). Naja, ich dachte mir schon, dass das an einem Feiertag nicht gerade meine schlaueste Idee war. Ich nenne sowas Vogelbeobachtung unter erschwerten Bedingungen. Ich bog nach der Absolvierung der „Wanderautobahn“ entlang des Waldbades auf einen abgelegeneren Pfad ab, um den Störgeräuschen halbwegs zu entkommen.
Nach einer recht unspektakulären Runde vernahm ich dann auf dem Rückweg des stark frequentierten Weges zum Parkplatz ein typisches zartes und hohes Piepsen für diese Jahreszeit. Ich entdeckte die kleinen gefiederten Urheber recht nah in niedrigem Gestrüpp direkt hinter dem Zaun des Bades. Es waren quirlig umher flatternde Wintergoldhähnchen, typischerweise ununterbrochen in Bewegung. Eines war besonders nah und schien plusminus ortstreu in einem lichten Nadelbäumchen auf Nahrungssuche zu sein. Ich versuchte meinen Abstand behutsam zu verringern, um die Chance zu ergreifen, den kleinsten Vogel Europas aus nächster Nähe studieren zu können. Der gelbe Scheitelstreif, der beim hastigen Hin- und Herspringen und im Zwielicht der Astschatten oft schnell mit dem Grün und Braun der Vegetation zu einem diffusen unscheinbaren Streifen verschwimmt, leuchtete mir nun klar und deutlich entgegen.



Und da war er, dieser Glücksmoment, wo ich dieses winzige Federbällchen mit den knuffigen schwarzen Knopfaugen nur noch aus einem Meter Entfernung betrachtete. Den Vogel schienen weder meine Nähe noch die Leute, die hier auf und ab gingen zu stören. Ich war völlig berührt davon, diesem zarten Geschöpf so nahe sein zu dürfen, dass ich einzelne Federn ausmachen konnte. Ich muss echt leicht beschränkt ausgesehen haben, wie ich so völlig alleine vor mich hingelächelt habe. Aber hey, so einen erfüllten Glücksmoment zu erleben, ist ein unglaublich erfüllendes Gefühl, was einem keiner mehr wegnehmen kann. Manche suchen ein Leben lang vergeblich danach. Und doch liegt er manchmal nur einen Steinwurf entfernt vor unserer Nase. Wir müssen nur die Augen offen halten und genau hinschauen…
Wissen
Wintergoldhähnchen sind, wie schon erwähnt, die kleinsten Vögel Europas. Sie sind hierzulande zwar theoretisch ganzjährig anzutreffen, aber doch eher im Winter zu hören und zu beobachten. Die bessere Wahrnehmung liegt daran, dass sie zu dieser Jahreszeit meist in Trupps umherziehen, es weniger andere Vogelstimmen gibt, die die zarten Stimmen übertönen, und weniger Laub die Sicht versperrt. Die im Winterhalbjahr zu beobachtenden Tiere sind allerdings zumeist Zuzügler aus Nordosteuropa /1/. Unsere heimischen Wintergoldhähnchen verziehen sich im Winter in südlichere Gefilde /1/. Ansonsten halten sich diese Vögel gerne in Baumbeständen auf, in denen auch Fichten wachsen, was vor allem eher in den Gebirgslagen der Fall ist /1/.
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/1/ Steffens, R.; Nachtigall, W.; Rau, S.; Trapp, H. & Ulbricht, J. (2013): Brutvögel in Sachsen.- Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Dresden, 656 S.
