Die Temperaturen fallen, die Tage werden spürbar kürzer und auch in der Avifauna ist der Herbst angekommen. Der Vogelzug setzt ein, beziehungsweise ist schon voll im Gange. Wann ein Zugvogel abzieht, richtet sich nach der Kälteempfindlichkeit der Art. Einige Arten sind schon vor den niedrigeren Temperaturen geflohen. Andere, wie z.B. das Hausrotschwänzchen, haben Ende September noch schnell ihre Reviere mit frühlingshaftem Gesang markiert, bevor sie abgezwitschert sind. Und Kraniche sind noch bis weit in den Oktober hinein zu beobachten. So manche Vogelart sammelt sich nun in großen unübersehbaren Schwärmen, die die Magie haben, selbst dem größten Naturmuffel, der unfreiwillig zum Vogelbeobachter wird, ein Staunen zu entlocken.
Daher war es nicht verwunderlich, dass Ende September bei uns in der Baumgruppe hinterm Haus plötzlich ein großer Trupp Stare eingeflogen kam. Es waren vermutlich um die 80 bis 100 Stück. Die haben einen ordentlichen Krach gemacht und durch ihr unruhiges Hin-und Hergewusel alle anderen Vögel im Umkreis verjagt. Hier mal eine kurze Kostprobe ihres Geplappers:
Doch wesentlich beeindruckender war das Erlebnis, was ich im Urlaub diesen Jahres erlebt hatte. In der Nähe befand sich der Altmühlsee, der mit seiner Vogelinsel und einem angrenzenden ausgedehnten Feuchtgebiet ein Vogelbeobachtungs-Hotspot im mittleren Bayern ist. Für die Stare war hier Anfang Juli die Brutzeit scheinbar schon zu Ende (was durchaus üblich ist: /1/) und so hatten sich in dieser Gegend bereits an manchen Abenden schon Unmengen an Stare gesammelt. Sie flogen in einiger Entfernung an unserer Ferienwohnung vorbei in Richtung dieser Feuchtgebiete, wo sich vermutlich viel Schilf befand, welches sie gerne als Schlafplatz nutzen /2/. Das folgende Bild soll mal einen Eindruck von ihrer Schwarmgröße verschaffen.

Um nun große Ansammlungen von Vögeln gezielt zu zählen, bietet es sich an, ein oder mehrere Fotos zu machen und dann in Ruhe am Computer die Vögel auszuzählen. Hier bei diesem Foto könnt ihr gerne SELBER AKTIV WERDEN und mal SCHÄTZEN, wie viele Stare auf dem Foto erkennbar sind.
Mich würde es nicht wundern, wenn ihr euch genauso wie ich grandios verschätzt. Aber das ist halb so wild, Vogelschwärme abschätzen zu können, ist nicht so einfach, wie es klingt, und muss man üben.
Also, wieviel habt ihr geschätzt? Denn hier kommt nun die Auflösung. Ich habe im folgenden Bild die einzelnen Vögel in sechs verschiedenen Farben bunt markiert und gruppenweise je 50 Individuen in einer Farbe zusammengefasst. Der ganze Schwarm ist nun in bunte Punktwolken untergliedert, die das Zählen in 50er Schritten möglich machen und dadurch die Gesamtzählung wesentlich vereinfachen. Wie ihr sehen könnt, sind 25 solcher Punktwolken zu sehen. Das heißt 25 x 50 Individuen ergibt 1250 Stare! Mit meiner groben Schätzung von 500 – 800 Stück vor der Fotoauszählung lag ich somit um fast die Hälfte bis ein Drittel daneben. Aber gut, wann sieht man schon solch große Schwärme, an denen man das Schätzen üben kann.

Und das waren beileibe nicht alle. Da ich wusste, dass zum Zeitpunkt des Fotos bereits knapp die Hälfte der Größe des Foto-Schwarms vorbei gezogen war und danach noch ca. 100 – 200 weitere folgten, konnte ich mutmaßen, dass sich die tatsächliche Schwarmgröße auf ungefähr 1800 bis 2000 Individuen belief! Eine erstaunliche Anzahl und auf jeden Fall ein schön anzusehendes Spektakel.
Wissen
Zugvogel Star?
Ein klares Jein. Stare sind in Mitteleuropa Standvögel bis Teilzieher, wobei sie aus dem nördlichen (Skandinavien) und östlichen Europa (ab Polen, Bayern) im Winter in Richtung West- und Südeuropa ziehen /1/. Deutschland liegt da genau im Grenzbereich sowohl in der Nord-Süd- als auch der Ost-West-Ziehrichtung. Ob die Stare wegziehen, hängt dann eher von regionalen Klimafaktoren wie Höhenlage und Lage zum Meer ab. Sachsen und Bayern sind stark von kontinentalem Klima geprägt, was heißt, dass es im Winter hier deutlich kälter werden kann, als z.B. in Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern mit ihrem marin geprägten, deutlich milderen Klima.
Vogelzählung
Wenn es schnell gehen muss und nicht die Zeit für ein Foto bleibt, erfolgt das Abschätzen von Vogelschwärmen mit dem bloßen Auge und im Prinzip genauso, wie ich es oben bei der Fotoauswertung getan habe. Man zählt (oder schätzt) eine auf z.B. 10er gerundete Anzahl an Individuen aus und versucht dann die ungefähre Ausdehnung dieser ausgezählten Gruppe im Kopf auf den Rest des Schwarms zu projizieren und schaut wie oft diese Ausdehnung hineinpasst. Wichtig ist, dass der ausgezählte Abschnitt die durchschnittliche(!) Dichte des gesamten Schwarms darstellt.



Wie man an diesem Fotobeispiel sehen kann, ist diese Methode durchaus nicht fehlerfrei, da Perspektive und unterschiedliche Schwarmdichte dazu führen, dass sich unterschiedlich viele Individuen in dem selbstgewählten Rechteck befinden. Aber gerade, wenn es schnell gehen muss, weil einem manchmal nur wenige Sekunden bleiben, gibt diese Methode eine halbwegs vernünftige Schätzung ab.
(… Hm, vielleicht mache ich mal eine extra Wissensseite zum Thema Vogelzählung mit den verschiedenen Methoden, und was in der Literatur dazu zu finden ist. Es würde mich durchaus reizen. Mal sehen… man hat immer so viel vor, aber man kommt ja zu nüscht ;-D …)
/1/ Bauer, H.-G., Bezzel, E., Fiedler, W. (2012): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas, ein umfassendes Handbuch zu Biologie, Gefährdung und Schutz. – Sonderausgabe in einem Band, 808 + 622 S., AULA-Verlag, Wiebelsheim.
/2/ Svensson, L. (2011 + 2024): Der Kosmos Vogelführer - Alle Arten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens.– 2. Auflage, 448 S., 3. Auflage (Große Ausgabe), 480 S., Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart.
