Schwarzdrossel?

Die meisten Laubbäume stehen nun kahl da und die erste Kältewelle diesen Herbst mit bis zu – 9°C vorgestern Nacht hier in einer Tieflage von Freiberg musste die örtliche Avifauna auch schon ertragen. Der Vorteil der kalten Jahreszeit ist allerdings, dass sich durch das Fehlen der Blätter an den Laubbäumen die Vögel in diesen deutlich einfacher beobachten lassen. Darauf werde ich auch in einem Beitrag gegen Ende des Jahres eingehen, wo meine besondere Langzeitbeobachtung von diesem Jahr ausführlich beschrieben wird. Mehr wird aber noch nicht verraten… Ich bin selbst schon richtig gespannt auf die Auswertung.

Doch zurück zu den unbelaubten Bäumen. Die Baumgruppe hinter unserem Haus besteht nur aus Laubbäumen und bietet daher nun eine bessere Sicht auf die gefiederten Zweibeiner. Heute Vormittag war besonders viel los. Hauptsächlich Kohl- und Blaumeisen flogen hier aufgeregt hin- und her. Neben den Meisen waren auch Dohlen, ein Buntspecht, Türkentauben, Wintergoldhähnchen, Elstern, ein Buchfink und auch Amseln zu sehen.

Rätselvogel des Tages, Freiberg, 2025

Doch ein Vogel hatte mich etwas irritiert. Auf dem Bild rechts ist er zu sehen. Er war vom Federkleid über Schnabel und Beine komplett schwarz. An heimischen Vögeln, die diese Merkmale aufweisen, gab es nicht allzu viele. Vor allem Rabenvögel. Aber dieser Vogel war kleiner als eine Krähe, auch kleiner als eine Dohle. Man erkennt auch, dass der Schnabel im Verhältnis zum Körper deutlich schmaler als ein Rabenschnabel war.

Proportionen und Verhalten waren die einer Amsel. Es musste also eine Amsel sein. Doch warum war der Schnabel dunkel? Ein Weibchen konnte es nicht sein, dafür war das Federkleid zu schwarz. War es vielleicht eine „dunkle Morphe“, von der ich noch nichts gehört hatte? Sowas gibt es bei vereinzelten Vogelarten, wie z.B. dem Mäusebussard, wo hellere oder dunklere Farbvariationen auftauchen. Was aber nicht zu verwechseln ist mit leuzistischen Individuen, die vereinzelte weiße Federn haben.

Ich schaute also in meine Bestimmungsbücher, vorzugsweise den „Svensson“ (/1/). Und siehe da, da war die Lösung! Bei den Amseln ist tatsächlich eine schwarze Amsel mit dunklem Schnabel abgebildet und mit ‚Männchen 1er Winter‘ beschriftet. „Meine Amsel“ war also eine ausgewachsene männliche Amsel, die aber erst dieses Jahr geschlüpft war. Der Schnabel und Lidring färbt sich nämlich erst im Frühjahr bzw. über den Winter (quasi den ersten Winter, den der Vogel erlebt) in das typische Orangegelb um.

Ich durchforstete darauf hin alle meine Vogelbilder und fand tatsächlich eine Übergangsform, die ich zufällig irgendwann einmal – und richtigerweise im Winter – fotografiert hatte (Bild siehe unten). Die gefundene Amsel zeigte bereits einen gelben Lidring und einen teilweise gelben Schnabel. Dummerweise war sie gerade am Futtern und hatte einen verdreckten Schnabel. Man musste genau hinsehen, um die Futterreste von der Schnabelfärbung zu unterscheiden. Aber die schwarzen Ränder des Ober- und Unterschnabels sind einigermaßen deutlich zu erkennen. Auch ein noch leicht schuppiges Muster auf Brust und Bauch sind auszumachen, was bei dem im Bestimmungsbuch abgebildetem Tier ebenfalls zu sehen ist.

Und damit man sich ein besseres Bild von der Entwicklung machen kann, hier eine Bilderreihe, die den Übergang der Schnabelfärbung zusammenfasst:

Im Übrigen ist ‚Schwarzdrossel‘ bloß ein anderer, historischer Name für die Amsel 🙂 und beschreibt diese Art wie auch der englische Name ‚Blackbird‘ oder der französische Name ‚Merle noir‘ meiner Meinung nach deutlich besser.


/1/ Svensson, L. (2011 + 2024): Der Kosmos Vogelführer - Alle Arten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens.– 2. Auflage, 448 S., 3. Auflage (Große Ausgabe), 480 S., Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart.