Langzeitbeobachtung 2025 – Baumgruppe im Hinterhof

Seit ich zum ersten Mal den Blick auf diese grüne Oase aus Laubbäumen hinter unserem Haus warf, wusste ich, dass das ein hervorragender Ort für Vogelbeobachtungen ist. Von meiner Küche aus schaue ich auf eine recht diverse Ansammlung aus Laubgehölzen, die von zwei großen Birken dominiert werden. Sie stehen in der Mitte eines ca. 50 mal 60 Meter bzw. rund 3.000 m2 großen Hinterhofareals, umgeben von einer großzügigen Rasenfläche.

Objekt der Langzeitbeobachtung: Baumgruppe im Hinterhofbereich, im Süden Freibergs, Oktober 2025

Allerdings ist der Ort nicht ganz konkurrenzlos. Im Südosten schließt sich durch einen kleinen Gebäudekorridor ein langgestreckter und ebenso großer Park mit einer sehr vielfältigen Auswahl an Obst-, Laub- und Nadelbäumen an. Im Nordosten steht eine riesige isolierte Eiche, an die eine Wohngebäudefront und dahinter eine Kleingartensiedlung mit einer ebenfalls hochgewachsenen Baumgruppe am Nordrand angrenzen. Außerdem beinhaltet der Hinterhof-Bereich des ganzen Blockes noch weitere Einzelbäume, die mehr oder weniger von kleineren menschlichen Bauten vom Hinterhof-Areal der beobachteten Baumgruppe abgegrenzt sind. Das heißt aber auch, dass das Hinterhofareal nicht komplett isoliert ist und so die vielen verschiedenen aneinandergereihten grünen Inseln und Streifen Potenzial für den Durchzug an vielen verschiedenen Vögeln schafft.

Und da die Küche mit dem tollen Ausblick einen komfortablen Beobachtungsposten bietet, war es dann nicht mehr weit zu meinen Überlegungen für ein langfristiges Beobachtungsprojekt. Ich dachte mir, es wäre doch recht interessant zu ermitteln, welche Vogelarten denn so im Jahresverlauf zu sehen sind und ob sich Änderungen zeigen. Fernglas, Stift und Zettel lagen dann ab Januar dauerhaft in Griffweite des Esstisches bereit und ich notierte jede Sichtung einer Art pro Tag.

Sicher ist das keine ausgereifte wissenschaftliche Methode. Die Messzeiträume sind unterschiedlich und unregelmäßig und es gab vereinzelt Monate, wo aus den verschiedensten Gründen, wie z.B. Urlaub oder Krankheit, bis zu zwei Wochen – also fast die Hälfte eines Monats – keine Möglichkeiten für Beobachtungen gegeben waren. Das muss dann bei der Betrachtung der Ergebnisse mit berücksichtigt werden.

Aber nun Schluss mit dem Vorgeplapper. Schon lange bin ich gespannt auf die Auswertung. Hier kommt sie!

Projekt: Langzeitbeobachtung Hinterhofareal 2025

Als erstes stelle ich euch die Rahmenbedingungen vor und die nüchternen Zahlen und Tabellen dazu. Anschließend kommt die Auswertung.

Vorhaben

Mit der Langzeitbeobachtung wollte ich die Artaufstellung der Avifauna sowie deren Fluktuationen im Laufe eines Jahres in einem begrenzten, urbanen Areal erfassen.

Rahmenbedingungen

Notiert habe ich jede Sichtung einer Art pro Tag. Oder anders ausgedrückt, ich habe die Anzahl der Tage gezählt, an denen ich eine Art gesehen habe. Das heißt, wenn über den Tag verteilt mehrmals Elstern auftauchten, dann habe ich trotzdem nur einen Strich für diesen Tag gemacht. Die Anzahl der Individuen je Art wurden nicht erfasst.

Ergebnis

Hier nun die vollständige Liste aller in 2025 beobachteten Vogelarten in der Baumgruppe bei mir im Hinterhof in Freiberg:

Auswertung

Sage und schreibe 35 Arten habe ich feststellen können! (Den Krähenhybrid kann man dabei nicht als eigenständige Art betrachten.) Das hat mich wirklich positiv überrascht. Ich hatte ungefähr mit der Hälfte gerechnet, vielleicht noch eine Handvoll mehr.

Außer einer bloßen Gesamtanzahl kann man aber noch eine ganze Menge mehr aus der Tabelle und dem Tortendiagramm lesen:

  • Häufigste Arten: Viele Beobachtungen zu einer Art zeigen häufige Arten an. Spitzenreiter ist hier mit großem Abstand die Elster. Weiterhin wurden sehr häufig Blaumeisen, Ringeltauben, Türkentauben und Buntspechte beobachtet. Ebenfalls recht häufig waren Grünfinken, Rabenkrähen, Kohlmeisen, Dohlen und der Girlitz. Allerdings kann man nicht sagen, dass wenige Sichtungen seltenere Arten bedeuten (siehe Hausrotschwanz und Haussperling).
  • Monat mit meisten Arten: Im Oktober wurden die meisten Arten gezählt und begründet sich darin, dass sich manche Vogelarten im Herbst zu Gruppen zusammenschließen, Zugvögel sich sammeln und vom Sommer- ins Winterquartier umziehen und weil ortstreue Arten noch mal richtig aktiv werden, um sich Winterspeck anzufressen oder Vorräte anzulegen (wie z.B. der Eichelhäher).
  • Monat mit meisten Beobachtungen: Der April brachte mit Abstand die meisten Beobachtungen hervor und zeigt, dass erfolgreiche Beobachtungen nicht nur vom Vorhandensein der Vögel abhängen sondern auch von den äußeren Umständen. Denn im April ist der Monat, wo bei den meisten Arten die Brutsaison beginnt und um die Gunst eines Partners geworben wird. Das heißt viele Bestimmungen stützen sich auf gehörte Gesänge. Und der zweite glückliche Umstand ist, dass in dem Monat die Laubbäume erst anfangen ihr Laub auszutreiben (also hierzulande zumindest) und daher häufig noch viele visuelle Sichtungen hinzukommen.
  • Sommergäste: Bestimmte Arten kommen nur in den wärmeren Monaten vor. Dies sind eindeutig Zugvögel und trifft aus der Liste auf Girlitz, Mönchsgrasmücke, Klappergrasmücke, Trauerschnäpper, Gelbspötter, Zilpzalp und Grauschnäpper zu.
  • Häufungen im Frühjahr und im Herbst. Das liegt zum einen am Vogelzug, der vor allem in diesen Zeiträumen stattfindet. Zum anderen fehlen Arten in den anderen Jahreszeiten, weil schlichtweg im Winter weniger da sind und weil im Sommer (Juni bis August) die Brutsaison für die meisten Arten vorbei ist und Gesänge zum Anwerben und zur Revierverteidigung weniger werden.
  • Auch sogenannte Durchzügler, die während des Vogelzugs zu beobachten sind und weder im Sommer ihre Brutgebiete noch in den kalten Monaten ihre Winterquartiere hier haben, konnten auch registriert werden. Wobei sich Durchzügler hier in dieser Studie auf das städtische Habitat bezieht und nicht auf die großräumliche Landschaft. Ganz deutlich wird dies beim Star, der auch den Sommer über in der Region vorkommt, aber eben außerhalb der Stadt, und erst zum Vogelzug auch über städtische Gebiete fliegt und hier rasten bzw. sich sammeln kann.
  • Wintergäste: In den kühleren Monaten kann es schon mal vorkommen, dass Vögel, die eigentlich eher in Feld und Flur oder im Wald zu Hause sind, auch mal den etwas wärmen städtischen Gebieten einen Besuch abstatten, da hier das Nahrungsangebot vor allem bei schneebedeckter Landschaft höher ist. Dies kann man hervorragend am Beispiel Gimpel sehen, der nur im Dezember und Januar beobachtet wurde, aber ansonsten ganzjährig bei uns vorkommt. Das gleiche gilt auch für die einmalige Sichtung eines Wintergoldhähnchens. Außerdem sind die meisten Vögel im Winter wegen entfallender Brutgeschäfte an keine Reviere oder Brutgebiete gebunden und bilden dann manchmal Gruppen, die dann auch außerhalb ihres Bruthabitats umherstreifen, wie am Beispiel der Grünfinken zu sehen ist.

Für diejenige unter euch, die genauer wissen wollen, welcher Vogel nun wie eingestuft ist, können sich in der Tabelle rechts die grauen Kürzel zu Gemüte führen. Hier habe ich eine eher wissenschaftlichere knappe Einstufung für den Standort versucht, allerdings ohne Garantie auf Richtigkeit. Denn für diese Beurteilung, muss man sich schon etwas mit den Habitatvorlieben und Zugverhalten einer Art auskennen. Und da habe ich in dieser Hinsicht sicherlich noch Lernbedarf.

Was ich ebenfalls bei meinen Beobachtungen feststellen konnte, waren die verschiedenen Präferenzen der  Arten, wo sie sich in der Baumgruppe am ehesten aufhielten. So liebten es viele Arten, wie die Elstern, der Buntspecht oder die Grünfinken sich ganz oben in den Baumwipfeln aufzuhalten. Der Girlitz suchte sich gerne irgendeinen exponierten Ast, um sich und seinen Gesang mit stolzgeschwellter Brust zu präsentieren. Die Mönchsgrasmücke und der Zilpzalp hielten sich im dichten Grün auf und waren fast nie zu sehen, aber dafür oft zu hören. Und die Ringel- und Türkentauben hielten sich nie in der unteren Hälfte der Bäume auf. Aber es würde an dieser Stelle zu weit führen, hier ebenfalls das Verhalten aller Arten aufzuschlüsseln. Das wäre eher mal etwas für eine eigenständige Studie…

Fehlerquellen

Zu jeder ordentlichen wissenschaftlichen Auswertung gehört auch eine Analyse der Schwachstellen. In meiner Langzeitbeobachtung konnte ich folgende feststellen:

  1. Habitatwahl: Die Langzeitbeobachtung erfasst nur Arten, die die Baumgruppe auch mindestens als Anflugplatz akzeptieren. Das heißt, das Ergebnis zeigt weder alle in städtischen Gebieten vorkommenden Vogelarten an noch spiegelt es deren tatsächliche Häufigkeit für das gesamte Stadtgebiet wider. Zum Beispiel werden Mauersegler damit nicht erfasst, da sie maximal Gebäude für Nistplätze anfliegen. Auch der Hausrotschwanz hat sich, obwohl er in den wärmeren Monaten ein häufiger Vogel in Städten ist, verhältnismäßig wenig auf der Baumgruppe gezeigt, da es nicht sein bevorzugtes Habitat ist. Auch der Haussperling blieb mit gerade einmal 12 Beobachtungen in der Baumgruppe im Jahr stark unterrepräsentiert. Die Haussperlingsbande hielt sich viel lieber in ihrer niedrigen Lieblingshecke rund 10 m entfernt auf.
  2. Inkonsistente Messzeiträume: Wie schon oben erwähnt, waren die Messzeiträume unregelmäßig – sowohl Tageszeit betreffend als auch innerhalb eines Monats – und beinhalteten wegen Urlaub sowie Krankheit z.T. größere Lücken.
  3. Natürliche Begrenzungen: Es gibt verschiedene natürliche, abiotische und biotische Faktoren, die Einfluss auf die Beobachtbarkeit von Arten nehmen und zu einer geringeren Anzahl führen können als es eigentlich der Fall ist. Dazu zählen: Tageslichtdauer (8 Std. im Winter vs. 16 Std. im Sommer!), Belaubung sowie das Wetter.

Zusammenfassung

Die Ganzjahresbeobachtung einer Baumgruppe in einem Hinterhof von Freiberg in 2025 hat viele typische in städtischen Gebieten häufige Arten gezeigt, wobei die Elster am häufigsten beobachtet wurde. Durch die hohe Diversität an Gehölzen sowohl in der Baumgruppe selbst als auch in den nah benachbarten Inseln und Grünstreifen war ein Durchzugpotenzial von vielen verschiedenen Vogelarten gegeben. Die Gesamtanzahl belief sich auf 35 beobachtete Arten. Im April konnten die meisten Beobachtungen (86) und im Oktober die meisten Arten (19) gezählt werden. Außerdem waren in der Langzeitbeobachtung die im Jahresverlauf zu erwartenden Schwankungen in der Artzusammensetzung auf Grund von saisonalen Besuchern bzw. Zugverhalten sichtbar.

Impressionen

Zum Abschluss gibt es noch eine kleine Auswahl an Schnappschüssen, die in 2025 (und zwei im Dezember 2024 – weil es zeitlich ja nah dran ist) am „Beobachtungsobjekt“, also der Baumgruppe, entstanden sind.