Kolkraben auf dem Gipfel

Pünktlich zum 1. Geburtstag der Webseite möchte ich einer meiner Lieblingsanekdoten erzählen (…naja, fast pünktlich, mit einem Tag Verspätung). Sie ist schon etliche Jahre her und ereignete sich in 2012. Dieses tolle Erlebnis ist für mich nicht nur etwas Besonderes, weil es um meine Lieblingsvogelgruppe, die Rabenvögel, geht, sondern auch weil es sich um einer der seltenen Mensch-Vogel-Interaktionen handelt. Aber lest einfach selbst.

Wir waren damals auf der kanarischen Insel La Palma. Sie ist mittelgroß, bis zu 2.624 m hoch und aus vulkanischen Ablagerungen geformt. Die naturräumliche Ausstattung ist recht abwechslungsreich und reicht von einem grünen Norden mit einzigartigen Lorbeerwäldern bis zu geologisch jungen und schroffen, kargen Gesteinslandschaften im Süden mit schwarzen Sandstränden. In 2021 erhielt sie durch den Ausbruch des Volcán de Tajogaite besondere mediale Aufmerksamkeit.

Im Norden von La Palma befindet sich eine große Caldera (dem großen Vulkankrater) von der aus sich bis fast zur Südspitze ein Gebirgszug aus kleineren Vulkankegeln entlangzieht. Diese Bergkette teilt die Insel der Länge nach von Nord nach Süd quasi in zwei Hälften, wobei sich an der östlichen Seite oft die vom Kontinent herziehenden Wolken stauen. Ab ungefähr der Inselmitte verläuft auf dem Höhenrücken Cumbre Vieja ein Pfad bei rund 1.500 Höhenmetern in Richtung Süden. Die Gegend hier ist von teils weniger als einem Jahrhundert alten Vulkankegeln geprägt und mit jungem, scharfkantigem Grus aus Vulkangestein bedeckt. Dieser verleiht der Gegend sein unverwechselbares rötlichbraunes Aussehen. Es ist ausgesprochen trocken hier und großflächig kahl mit nur vereinzelt trockenheitsresistenten Pflanzen bewachsen. Sobald man die Hänge herabblickt, sieht man in etwas tieferen Lagen auch Ansammlungen von kleinwüchsigen Pinien.

Nach einem anstrengenden 7 km langen Marsch bei dem es permanent bergauf und bergab ging, sind wir am höchsten Punkt der Bergkette den Deseada bei 1.947 Höhenmetern angekommen. Es war eine herrliche Aussicht, die Sonne schien warm, der Himmel war strahlend blau und die Wolkenfetzen unter uns. Man konnte aufs Meer und durch dunstige Wolkenschleier hindurch auch bis zu einigen anderen Inseln der Kanaren wie Teneriffa, La Gomera und der jüngsten Insel El Hierro blicken.

Wir ruhten uns auf einem aufgeschütteten Steinhaufen aus, der den Gipfel markierte. Zwei Kolkraben waren auch da und empfingen sozusagen die Wanderer am Ziel. Und obwohl sich hier nur sehr wenige Menschen herverirrten, schienen die Raben die Anwesenheit von Menschen gewohnt zu sein. Ja vermutlich sogar zu erwarten. Denn hier an diesem Gipfelpunkt rasten und stärken sich die Menschen mit ihren mitgebrachten Speisen. Vermutlich hofften sie sicherlich darauf, das eine oder andere heruntergefallene Krümel zu finden.

Dementsprechend standen wir unter ständiger Beobachtung dieser schwarzen Vögel. Sie beäugten uns in ungewöhnlich kurzem Abstand. Scheu schienen sie überhaupt nicht zu sein. Einer der Raben setzte sich irgendwann direkt schräg über mir auf die Spitze des Steinkegels. Da musste ich dann einfach die Kamera zücken. Diese wunderschönen glänzend schwarzen Wildvögel aus nächster Nähe im Portrait fotografieren zu können, lies ich mir nicht entgehen.

Kolkrabe auf einem Steinhaufen auf dem Gipfel des Deseada, La Palma, Kanaren, Januar 2012

Der andere lief mit weniger als einem Meter Abstand an uns vorbei und prüfte kritisch, was wir taten. Ich war total verblüfft über dieses Vertrauen, das er uns gegenüber hatte, und völlig elektrisiert davon diesen größten aller Singvögel aus nächster Nähe betrachten zu können. Der Rabe schaute interessiert zu meinem Rucksack, der auf dem Boden stand und näherte sich den Riemen, vielleicht pickte er auch danach. So genau weiß ich das nach so vielen Jahren leider nicht mehr. Er legte eine ausgeprägte Neugier an den Tag. Mein Ornithologen-Herz schlug nun höher, da es mich reizte das Verhalten dieser intelligenten und faszinierenden Tiere weiter zu studieren. Was würden sie tun, wenn ich anfangen würde mit ihnen zu interagieren? Unser Essen bot ich nicht an, da es für die Tiere ungesund war.

Unter Beobachtung eines Kolkrabens, La Palma, Kanaren, Januar 2012

Da es hier auf der Bergkette keine nennenswerte Vegetation gab und allgemein sehr trocken war, kam ich auf die Idee, ihnen Wasser anzubieten. Ja, auch Vögel müssen trinken. Ich hatte nur leider kein wirkliches Gefäß, woraus sie es hätten trinken können. Das einzige, was mir einfiel, was man annähernd dazu nutzen konnte, war die Verschlusskappe meiner Trinkflasche. Ich füllte also einen Schluck Wasser hinein. Der Rabe am Rucksack beobachtete mich dabei ganz genau. Und kaum, dass ich ihm die Kappe hinhielt, kam er auch schon her gelaufen. Ich hatte meine Hand noch gar nicht richtig ausgestreckt, da war er auch schon an dem Deckel. Er versuchte seinen Schnabel reinzuhalten. Ich merkte, dass es für ihn mit seinem großen kräftigen Schnabel schwierig war, aus diesem kleinen Stück Plastik zu trinken. Ich überlegte mir, dass ich den Deckel etwas schräg halten müsste, so dass das Wasser bis zum Rand reichen würde und er seinen Schnabel mehr seitlich auf die Kante drauflegen konnte, um den Schnabel auf einer größeren Breite mit Wasser benetzen zu können. Als ich nun den Deckel schräg hielt, machte er genau das! Er legte seinen Schnabel halb seitlich darauf und machte leicht auf- und zu-Bewegungen, um so Wasser aufzunehmen. Es war so unglaublich faszinierend, zu beobachten mit was für einer Intelligenz diese Tiere ihre Umgebung wahrnahmen und mit ihr interagierten. Ich war völlig hin und weg und kam aus dem Staunen nicht mehr raus.

(Wilder!) Kolkrabe trinkt das angebotene Wasser aus einem Deckel, La Palma, Kanaren, Januar 2012

In all der Aufregung gelang es mir aber trotzdem so geistesgegenwärtig zu sein und mit der Kamera einen Schnappschuss von dieser tollen Begegnung zu machen. Nachdem der Kolkrabe etwas getrunken hatte, trottete er davon und kam auch nicht zurück. Er hatte offenbar genug. Völlig beglückt von dieser einzigartigen Begegnung machten wir uns auf den Rückweg und es störte mich nicht mehr, dass die 7 km Hinweg auch wieder zurückgelaufen werden mussten.

Kolkraben gehören zur Gruppe der Rabenvögel, zu denen auch Krähen, Elstern und Häher zählen. Sie sind einer der intelligentesten Vogelgruppen und können sich, was ihre kognitiven Fähigkeiten angeht, mit Menschenaffen, Delfinen und Elefanten messen. Es gibt sogar Belege dafür, dass sich einige Individuen ihrer selbst bewusst sind. Was auch dazu führt, dass sie „verstehen, dass ihr eigenes Wissen nicht dem des Gegenübers gleicht“ /1/. Manche können auch Werkzeuge benutzen oder Rätsel lösen, um an Futter zu kommen.

Neben den offensichtlichen kognitiven Fähigkeiten zeichnet sich Intelligenz im Allgemeinen oft auch durch eine gewisse Neugierde aus. Und der Spieltrieb ist dann auch nicht weit hergeholt. Und da ist es dann bei diesen schlauen Vögeln nicht verwunderlich, dass sie selbst in der Fachliteratur /2/ als sehr verspielt beschrieben werden.


/1/ Nagel, D. (2024): Einblicke in das Leben der sozial-kompetenten schwarzen Vögel. – In: Rabenvögel.– Sonderheft 2024, Der Falke - Journal für Vogelbeobachter, AULA-Verlag GmbH, Wiebelsheim.

/2/ Bauer, H.-G., Bezzel, E., Fiedler, W. (2012): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas, ein umfassendes Handbuch zu Biologie, Gefährdung und Schutz. – Sonderausgabe in einem Band, 808 + 622 S., AULA-Verlag, Wiebelsheim.