An einem schönen ruhigen dänischen Sandstrand hatte ich im Sommer 2024 die seltene Gelegenheit Sandregenpfeifer zu beobachten. Als ich entdeckte, dass ein Vogel immer wieder zur selben Stelle nahe des bewachsenen Dünenrandes zurückkehrte, zückte ich mein Fernglas. Ich war ganz hingerissen davon zu sehen, dass dort ein anderer Altvogel auf einem Nest saß. Es bestand nur aus einer Kuhle im Sand und aus der Entfernung waren die gesprenkelten Eier neben den vielen einzelnen Steinen auf dem Sand extrem gut getarnt. Da mir diese Vögel aber erst gegen Ende des Urlaubs auffielen, vermutete ich, dass sie erst mit dem Brüten begonnen hatten und ich die Küken wohl leider nicht mehr zu Gesicht bekommen würde. Das fand ich extrem schade, denn die Küken von Regenpfeifern sind meiner Meinung nach wirklich das Knuffigste, was die Vogelwelt zu bieten hat.
Am letzten Urlaubstag war ich wieder am besagten Strandabschnitt. Wie immer fast menschenleer. Vermutlich hat sich das Pärchen auch deswegen hier niedergelassen. Neben den wirklich wenigen Menschen, die hier entlang liefen, kam auch mal eine 4- bis 5-köpfige Familie vorbei, die keine 20 m vom Nest der Sandregenpfeifer entfernt Platz nahmen. Sie hatten auch ein Kleinkind und einen Hund dabei. Als ich entdeckte, dass der Hund nicht angeleint war, wuchs in mir eine gewisse Besorgnis. Ich hoffte inständig, dass der Hund den Vogel nicht entdeckte. Doch wie ich feststellen musste, war nicht der Hund, der seelenruhig bei den Familienmitgliedern blieb, das Problem. Vielmehr stellte das Kleinkind eine größere Bedrohung für das Nest dar. Es schien erst das Laufen gelernt zu haben und stolperte nun in seinem neugierigen Entdeckungsdrang begeistert durch die Gegend.
Und dann durfte ich ein interessantes Verhalten beobachten, was man nicht alle Tage sieht. Während der eine Regenpfeifer vermutlich auf Nahrungssuche unterwegs war, saß der andere auf dem Nest. Als das Kind nun dem Nest bis auf wenige Meter heran kam, wurde es dem Vogel zu gefährlich und er stand auf und lief vom Nest weg. Doch er tat es nicht um sich in Sicherheit zu bringen. Vielmehr lenkte er die Aufmerksamkeit des für ihn potenziellen Prädators auf sich und weg vom Gelege. Das tat er, in dem er in einem Abstand von ca. 2 m vor dem Kind mit kurzen Pausen hin und her trippelte. Dieses Verhalten nennt man „Verleiten“ und es funktionierte hier tatsächlich! Das Kind war fasziniert von dem flitzenden Etwas und wollte es fangen. So lief der Vogel immer im Zickzack vor dem Kind her und führte es so fort von der Brut. Leider war der Vogel nicht konsequent genug und brach schon nach nur wenigen Metern ab, um wieder zum Nest zu fliegen. Das Kind bemerkte in welche Richtung der Vogel flog und verfolgte ihn. Das Schauspiel begann wieder von vorne. So ging das ein paar Mal. Und das Kind kam dem Nest dabei manchmal so verdammt nahe, dass ich unwillkürlich die Luft anhalten musste. Der Rest der Familie bekam von diesem Spektakel nichts mit.
Ich war nun echt im Zwiespalt mit mir. Sollte ich der Familie etwas sagen, um so zum Schutz der Vögel beizutragen, oder sollte ich der Natur ihren Lauf lassen? Ich entschied mich schweren Herzens für Letzteres, denn die Natur ist auf solche kleineren Störungen gefasst und reguliert sich in der Regel von alleine ganz gut. Hinzukommt, dass mein Eingreifen auch nicht nachhaltig gewesen wäre. Selbst wenn ich für diesen Moment die Brut hätte in Schutz nehmen können, wäre das keine Garantie für die folgenden Tage und Wochen. Außerdem würden bei einem Bruterfolg dadurch die Altvögel diesen eher ungeeigneten Ort bei einer Ferienhaussiedlung für akzeptabel halten und dann möglicherweise im darauffolgenden Jahr zurückkehren. Und dann würde der Überlebenstanz von vorne losgehen.
Mein Beitrag zum Schutz dieser Vögel bestand darin, auf ornitho.de, wo ich als Melder für Vogelbeobachtungen registriert bin, diesen Brutversuch zu melden. So weiß nun auch eine Fachstelle davon und die Experten (die auch einen besseren Überblick über die Gesamtsituation in dieser Gegend haben) können selbst entscheiden, ob z.B. die Einrichtung eines kleinen Schutzraumes notwendig ist, wie es z.B. an manchen Stellen an der deutschen Ostseeküste der Fall ist.


Nun, wie auch immer die Geschichte dieses Vogelpaares ausgegangen sein mag, war es doch eine spannende Erfahrung, dass Verleiten bei einem Vogel live zu beobachten.
Wissen
Das Verleiten bei Vögeln ist also ein effektives Mittel um Räuber vom Nachwuchs fern zu halten. Besonders ausgeprägt ist dies bei manchen bodenbrütenden Vögeln, da sie meistens ein offen liegendes Nest haben, welches frei zugänglich für viele am Boden umherstreifende Räuber ist. Da die (Alt-)Vögel aber den Vorteil des Fliegens haben, können sie relativ nah an den Prädator heran kommen und seine Aufmerksamkeit auf sich und fort vom Nest lenken. Manchmal spielen sie ihm dann auch noch vor, dass sie verletzt seien, indem sie zum Beispiel den Flügel schleifen lassen. Auf diese Weise locken sie den Feind weit genug vom Nest fort und fliegen dann schnell davon. Da der Räuber zuletzt auf den Vogel fixiert war und dieser nun fort ist, verbucht der Räuber diese Beute-Chance als Fehlschlag und zieht hoffentlich weiter.
